Sturmfluten an der Nordsee
(Nordsee maritim)
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Für die Nordseeküste bescherten die beiden Sturmtiefs der letzten Woche, Ulli und Andrea, wie schon unzählige ihrer Vorgänger hohe Wasserstände. Für Nordsee-Urlauber sind Sturmhochwasser jedesmal ein besonderes Erlebnis. Zu sehen wie die Nordsee unaufhörlich steigt und selbst bei Ebbe nicht abfließt, bringt den Feriengästen die Gewalt der Nordsee-Wassermassen näher. Doch auch wenn das Schauspiel des Sturmhochwassers für Nordsee-Urlauber ein faszinierendes Erlebnis ist, birgt es für die Küstenregion besondere Gefahren. Landabtrag, Schiffe in schwerer See und nicht zuletzt Menschen und Tiere geraten leicht in erste oder sogar lebensbedrohende Situationen. Allen voran werden die Bewohner der Halligen mehrmals im Jahr mit Sturmhochwasser konfrontiert. Halligen sind kleine Landmassen im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer. Anders als Inseln sind Halligen nicht mit einem Deich geschützt, so dass die Nordsee die kleinen Eilande im wahrsten Sinne des Wortes überrollen kann. Doch auch die mit Deichen geschützen Inseln sowie die Festlandsküste trägt nicht selten erhebliche Schäden bei Sturmhochwasser davon. Die Küstenbewohner nennen die Nordsee seit Jahrhunderten nur den "Blanken Hans", wobei "blank" "weiß" bedeutet und die weiße Gischt der vom Sturm aufgewühlten Nordseewellen symbolisiert. Im Nordseeheilbad Büsum (Hotels Büsum) können Feriengäste ein interessantes und lehrreiches Ausflugsziel erkunden: die Sturmflutwelt "Blanker Hans". Die multimediale Ausstellung informiert - ausgehend von der Jahrhundertflut im Februar 1962, die neben zahlreichen Todesopfern an der deutschen Nordseeküste vor allem in der Hansestadt Hamburg schwerste Schäden verursachte - über Sturmfluten, ihre Entstehung und Auswirkung auf Mensch, Tier und Landschaft sowie über Küstenschutzmaßnahmen.
Im folgenden lesen Sie einen Artikel über Frerk Jensen, der als Hydrologe seit 37 Jahren seinen Dienst in der Küstenschutzbehörde Schleswig-Holstein tut und sich mit Sturmhochwassern an der deutschen Nordseeküste bestens auskennt.
Sturmflutwarner an der deutschen Nordseeküste
Husum - Starke Windböen peitschen Regen an die Scheiben, und aus dem Radio ertönt eine ernste Frauenstimme: „Im Anschluss an die Nachrichten hören Sie eine Unwetter- und Sturmflutwarnung…“ Es sind Tage wie diese, an denen Frerk Jensen aus einem unscheinbaren Kiefern-Vitrinenschrank routiniert seine kleine Sturmflutmeldezentrale aufbaut.
Der Schrank steht im Katastrophen-Einsatz-Raum des Husumer Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN-SH). Darin: Ein Rechner, der per Internet minütlich die Wasserstände an Pegeln von Borkum über St. Pauli bis List anzeigt und ein Wasserstandsschreiber, der mit Spindel, Uhrwerk und Schreibfeder den Pegelstand an der Husumer Schleuse analog überträgt – eine Technik wie vor 100 Jahren, aufgerüstet nur durch einen zusätzlichen Funkempfänger. „Wir haben schon Plan B und Plan C“, sagt Frerk Jensen, „wenn der Strom in der ganzen Bude in die Knie gehen sollte, haben wir immer noch die uralte Technik.“ Vor die geöffneten Schranktüren kommt noch ein Schreibtisch mit zwei Laptops und dem Telefon, das bei Sturmflutgefahr Tag und Nacht zu erreichen ist.
Frerk Jensen ist Bauingenieur und arbeitet als Hydrologe bei der Küstenschutzbehörde. An Tagen wie diesen steht er als Sturmflutwarner für Ost- und Nordsee sowie Teile der Elbe bereit. Seinen Dienst hat er am 1. Januar 1976 angetreten. Zwei Tage später kam es zu einer der höchsten an der Nordseeküste aufgezeichneten Sturmfluten. Die Wetterlage damals: Ein Orkantief mit Wind aus Nordwest drückte über Stunden in die Deutsche Bucht. Das Wasser konnte mit der Ebbe nicht ablaufen, und die folgende Flut brachte es so vor Husum auf den Rekordwasserstand von 5,61 Metern – rund vier Meter höher als das normale Hochwasser. Diesen Windstau-Effekt beobachtet Jensen auch jetzt wieder anhand der Grafiken auf seinen Monitoren. „Aber nur auf die Technik allein verlassen wir uns nicht“, sagt er und druckst ein wenig herum. Also: Windgeschwindigkeit + Wasserstand + Erfahrung + Gefühl = Sturmflutvorhersage? „Na ja, man kriegt schon ein Gefühl für Sturmfluten“, gibt er zu.
Bei ihm geht alle sechs Stunden die Wasserstandsvorhersage des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie ein. Liegt sie bei 1 m bis 1,50 m über dem mittleren Tidehochwasser (MTHW), gibt er zwar eine Sturmflutwarnung raus, geht aber noch beruhigt schlafen. Sind mehr als zwei Meter Abweichung angekündigt, braucht er sich gar nicht erst ins Bett zu legen. „Ab 2,50 m mit steigender Tendenz rufe ich die betroffenen Kreise an.“ Dann spricht man von einer schweren, ab 3,50 m über MTHW von einer sehr schweren Sturmflut. Der Kreis als Katastrophenschutzbehörde entscheidet, ob Voralarm oder Katastrophenalarm ausgelöst wird. „Dann wird der Stab hochgefahren.“ Feuerwehren, THW und Hilfsorganisationen rüsten sich, die Deichwachen gehen raus, und auch im Einsatzraum des LKN-SH bekommt Jensen dann Gesellschaft. Doch das hat er schon lange nicht mehr erlebt. Zuletzt 1999, als Sturmtief Anatol über die Küste fegte.
„Heute kriegen wir keine Sturmflut“, sagt er und schaut aus dem Fenster in Richtung Hafen. Also kein Nachtdienst. Aber ein wachsames Auge wird er dennoch auf das Wetter haben. Und auf die Nordsee, die er von zu Hause aus sehen kann. Eine große Flut konnte er hingegen noch nie mit eigenen Augen sehen. Er schüttelt den Kopf und lacht: „Bei schwerer Sturmflut bin ich immer hier.“
Ferienhaus Nordsee
Text: Einleitung Karin Höll, Artikel Dr. Hendrik Brunckhorst Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein
Foto: © Ernst Rose (o.), Hans Peter Dehn (u.), beide pixelio.de
Datum: 10.01.2012
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